Projekt Nowhaus „Lucy – Licht, das ans Herz wächst“: Max O´Dell

Podcast 27. Jan. 2021

In unserer fünften Folge sind wir mit Max O’Dell über das Projekt Nowhaus ins Gespräch gekommen. Max studiert Industrial Design an der Hochschule Magdeburg-Stendal und hat im Rahmen des Projekts an Lucy gearbeitet, einer biolumineszenten Lichtquelle aus Pilzen. Wie sein Endprodukt entstanden ist und worauf man bei der Arbeit mit solchen Lebewesen achten muss, klären wir in dieser Folge. Viel Spaß beim Zuhören! Das Projekt genauer anschauen könnt ihr auf der Webseite: www.odell.de

Der Podcast wird moderiert von Katharina Gebauer und wurde 2020 aufgenommen.

Der Podcast zum Nachlesen

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts SCIENCE TALK! In dieser Folge geht es um das Projekt „Nowhaus“. Ich bin Kathi und mir gegenüber sitzt Max O’Dell, mit dem ich heute konkret über seine Semesterarbeit „Lucy – Licht, das ans Herz wächst“ sprechen möchte. Schön, dass du da bist Max! Magst du dich kurz vorstellen?

Max O‘Dell: Hi, ich bin Max! Wie Kathi gerade schon gesagt hat, habe ich in dem Projekt „Nowhaus“ eine Narrative für die Zukunft erstellt. Ich studiere an der Hochschule Magdeburg-Stendal Industrial Design im sechsten Semester.

Vielleicht kannst du einmal dein Projekt ein bisschen näher erklären? Was hat es mit „Lucy“ auf sich? Was ist „Lucy“?

Max O‘Dell: Ich glaube, um „Lucy“ erklären zu können, muss ich erstmal die Ziele des Projekts „Nowhaus“ erklären. Beim Projekt „Nowhaus“ arbeiten drei Hochschulen - die Hochschule Magdeburg-Stendal, die Hochschule Anhalt in Dessau und die Burg Giebichenstein in Halle (Saale) mit ihren Gestaltungsstudiengängen zusammen. Wir wollten Narrative, also Zukunftsvisionen, erstellen für dreißig Jahre. Der Name ist abgeleitet vom „Bauhaus“ und dann sozusagen weiter zum „Nowhaus“ und aus konkreten Problemen, wie gerade die Erderwärmung und dem Verlust von Biodiversität, worum sich mein persönliches Leben gerade sehr dreht. Aber ich selbst habe die Vision von einer sehr naturbezogeneren Stadt. Jetzt gerade haben wir eine sehr große Trennung zwischen Stadt und Natur und ich hoffe diese in meinem Projekt ein bisschen zu beseitigen. In meinem Projekt „Lucy“ selber habe ich mich mit biolumineszenten Lichtquellen beschäftigt nach der Recherche und dem Anschauen vieler verschiedener Lebewesen, die mit biolumineszentem Licht arbeiten, habe ich mich dazu entschieden mit Pilzen weiter zu arbeiten. Also ich hätte auch Lust gehabt mit biolumineszenten Bakterien weiterzuarbeiten oder mit biolumineszenten Algen, aber da hätte ich Probleme mit dem Zoll bekommen. Zum Glück gibt es innerhalb von Europa das Schengen-Abkommen, deswegen musste ich da nicht mit dem Zoll arbeiten. Und es gibt eine sehr große Pilz-Community. Ich habe mit einem polnischen Pilzzüchter zusammengearbeitet, der mir dann Proben von zwei Pilzen geschickt hat – den wilden Zwergknäueling und den Bitterausterpilz – wahrscheinlich jetzt keinem bekannt, ist auch nicht zum Verzehr geeignet, aber das sind beides Pilzarten, die biolumineszent sein können. Biolumineszent ist die Fähigkeit von manchen Organismen Licht auszustrahlen. Das kann die verschiedensten Formen annehmen und hat sich auch in der Evolution auf den verschiedensten Wegen herauskristallisiert. Das findet man vor allem in den Tiefen des Meeres, weil dort die Lebewesen auf ihr eigenes Licht angewiesen sind. Wie vorhin auch schon erwähnt, findet man es in Bakterien, in Fischen, in Glühwürmchen auch – über Glühwürmchen selber könnte ich auch viel reden, das ist wahrscheinlich das prominenteste Beispiel.

Okay, das heißt die Pilze können selbst Licht herstellen und die hast du dann genutzt um „Lucy“ zu verwirklichen?

Max O‘Dell: Anfangs dachte ich eigentlich, dass das Interessante an biolumineszenten Lebewesen für uns als Menschen das Licht ist, das keine Energie braucht – in der Hinsicht, dass man keinen Stecker braucht. Dadurch, dass ich sozusagen zwei Pilze wirklich bei mir zuhause hatte – ihr müsst euch die jetzt eher wie Schimmelpilze vorstellen, also die sind eher in diesem Stadium, nicht in dem Stadium, wie man sie isst – und davon zwei Petrischalen. Und von denen habe ich täglich, also nachts wenn es dunkel war, Bilder gemacht und habe so sehen können, wie diese Pilze wachsen. Das erste Mal, wenn man das mit seinen eigenen Augen sieht, freut man sich total und wenn dann dieser Pilz weiterwächst und er in verschiedene Wachstumsstadien durchläuft, freut man sich halt immer mehr. Man merkt, dass man irgendwie eine emotionale Bildung zu dieser Lichtquelle aufbaut und das ist halt etwas, was man zu einer Glühbirne selbst nicht hat.

Und wie kamst du auf den Namen „Lucy“? Warum „Lucy“?

Max O‘Dell: Es gibt verschiedene Gründe dafür. Einerseits wollte ich einen menschlichen Namen haben, denn es geht ja um die Beziehung von mir zu meiner Lichtquelle – deswegen der menschliche Name Lucy. Und in der Biolumineszenz gibt es immer zwei Stoffe – es gibt einmal Luciferine, das ist das Protein weshalb es später leuchtet, und es gibt Luciferase, das ist das Enzym, das diesen Leuchtprozess katalysiert – und diese beiden Namen sind wiederum abgeleitet von dem Namen Lucifer aus der griechischen Mythologie, was so viel wie der Lichtbringer heißt. In römischen Zeiten ist es im Sinne vom Teufel zu sehen – Lucy, der Lichtbringer.

Vielleicht kannst du konkreter nochmal so ein bisschen auf den Prozess an sich eingehen, also so vom Anbeginn: Wie kamst du überhaupt darauf? Und dann noch ein bisschen den Weg – was waren genau deine Aufgaben bis es letztendlich zu dem Licht kommt, das wir am Ende haben?

Max O‘Dell: Angefangen selber habe ich mit Insekten und wollte sozusagen neue Formen finden, die für uns nützlich sind, und bin da sozusagen durch das Glühwürmchen zu einer Taschenlampe gekommen. Und die Faszination der Biolumineszenz ist dann quasi mit mir durchgebrannt. Ich habe mich dann noch mehr damit beschäftigt und dadurch habe ich mir erstmal verschiedene Produkte angeschaut, die es schon gibt mit Biolumineszenz. Das sind aber vor allem sowas wie Kickstarter-Kampagnen oder Science-Gadgets, die Kindern irgendwas beibringen können, also es gibt ein paar Konzepte dazu. Weiter habe ich mir dann diese Pilze geholt und bin dadurch auf diese neue Eigenschaft, diese humanitäre Eigenschaft, dieser Beziehung zu dem Licht gekommen. Später habe ich dann gesucht in welchen Plätzen unseres jetzigen Lebens so eine Lichtquelle Platz finden könnte, denn ich muss einerseits bedenken: Welche Voraussetzungen braucht dieses Lebewesen? Sei es von Feuchtigkeit, Temperatur, Sonneneinstrahlung. In welchen Räumen bin ich täglich/wöchentlich? Um eine Beziehung überhaupt aufbauen zu können. In welchen Plätzen will ich diese Qualität des Lichtes? Denn das biolumineszente Licht ist jetzt nicht weißlich unbedingt… es gibt ein ganzes Farbspektrum von biolumineszentem Licht, aber die meisten Lebewesen sind entweder grün, die findet man vor allem über der Erde, oder haben bläuliches Licht, die findet man eher im Ozean. Dadurch fallen halt zum Beispiel so Plätze wie die Küche weg, weil ich will mein Essen nicht in einem grünen Licht sehen – das macht es eher unappetitlich. Daher bin ich halt eher auf so Plätze wie das Schlafzimmer und das Wohnzimmer gekommen, vielleicht noch das Kinderzimmer.

Und ist das so hell wie eine normale Lampe? Oder ist das etwas dunkler? Wie kann ich mir das vorstellen?

Max O‘Dell: Das Licht von meinen kleinen Pilzen war jetzt sehr, sehr schwach. Also ich musste unter einer Bettdecke zehn Minuten warten, um das Licht überhaupt erkennen zu können. Aber das hat natürlich auch viel damit zu tun, dass das was von Pilzen unter der Erde ist, da das Licht sowieso nicht so gebraucht werden würde, und dass die Pilzkolonien, die ich jetzt hatte, in fünf Zentimeter großen Petrischalen nur waren. Würden die jetzt wachsen, dann wird das Licht stärker. Es gibt aber auch Erfahrungsberichte von biolumineszenten Pilzen in Australien, mit deren Licht man z.B. ein Buch lesen kann. Also ein Punkt, wo man noch weitersuchen kann, ist nach anderen Spezies von Pilzen. Es gibt sehr viele biolumineszente Pilze und zu schauen, was da der Beste wäre. Und es wird auch versucht, dieses Gen so zu manipulieren, dass das Licht stärker wird.

Aber dein Prototyp ist jetzt ein bisschen größer als das, was du damals unter der Bettdecke hattest?

Max O‘Dell: Ich finde die intimste Beziehung, die wir gerade zu Bäumen und zu Pilzen haben, ist, wenn man durch den Wald geht und in dieser sehr rauen Rinde diese sehr filigranen Organismen haben – also diesen Widerspruch der rauen Rinde und den filigranen Pilzlamellen hat. Deswegen wollte ich auch in meinem Produkt mit diesen Baumstämmen arbeiten… außerdem können sich die Pilze von diesem Baumstamm ernähren. Dieser Baumstamm, den ich z.B. genutzt hätte mit einem Durchmesser von 20 Zentimeter, von diesem könnten sich die Pilze vier bis fünf Jahre ernähren.

Das heißt die Lampe würde vier bis fünf Jahre existieren?

Max O’Dell: Ja, aber dann könnte ich eben sozusagen weitergehen und mir einen neuen Baumstamm suchen und dann sozusagen wieder von Geburt bis Tod meine Lampe dabei – so wird diese Beziehung intimer. Man hat dann auch einen Ansporn selber diese Lichtquelle zu erhalten.

Und ist der Baumstamm dann auch lebendig?

Max O’Dell: Ne, ich dem Fall nicht. Also es ist ein Prozess, der nennt sich Stamminokultation bzw. Log inoculation. Dabei schlägt man Dübel, mit denen sozusagen der Pilz befallen ist, in einen frischen Baumstamm. Ein frischer Baumstamm hat noch sehr viel Zucker und Nährstoffe in sich. Diese Dübel schlägt man in den Baumstamm und versiegelt die dann wieder mit natürlichem Wachs, z.B. Bienenwachs, und lässt sozusagen diesem Pilz ein halbes Jahr bis ein Jahr Zeit, bis er sich in diesem Baumstamm ausbreitet. Und dann fängt der irgendwann an aus diesem Baumstamm zu wachsen und das sind dann auch diese Fruchtkörper, also die Pilze, die wir normalerweise essen. Also was man sich jetzt unter Champignons vorstellt – sowas würde dann auch aus diesem Baumstamm rauswachsen.

Also das heißt, vier oder fünf Jahre konstant wächst auch dieses Licht die ganze Zeit?

Max O’Dell: Genau.

Und irgendwann ist es dann vorbei? Und es geht immer an, wenn es dunkel ist?

Max O’Dell: Bei Pilzen selber ist es so, dass die sozusagen immer leuchten. Bei anderen Lebewesen, die können sich auch sozusagen auf Knopfdruck anmachen.

Und hast du bei dir zuhause gerade einen Prototyp stehen im Schlafzimmer?

Max O’Dell: Ne, also ich habe in meinem Studentenzimmer leider nicht wirklich die Voraussetzungen, um die Pilze wachsen zu lassen. Aber ich habe in Kooperation mit diesem Pilzzüchter mir auch diese Dübel bestellt, um noch ein Gefühl dafür zu bekommen. Die sollten auch jetzt noch leben in meinem Zimmer und der Plan wäre, sobald ich jetzt Zeit dafür hätte, in meinem Heimathaushalt in dem größeren Garten das mal auszuprobieren diese wachsen zu lassen.

Vielleicht kannst du nochmal darauf eingehen, ob es Schwierigkeiten gab auf dem Weg oder im Prozess? Also so Sachen, die super zeitintensiv waren und wo du vorher nicht dachtest, dass das jetzt auf dich zu kommt?

Max O‘Dell: Klar, wie vorhin schon angedeutet, die Schwierigkeiten mit dem Zoll. Dann muss man sich um diese Pilze natürlich kümmern. Also am Tag werden die immer vom Tageslicht geschützt, um sozusagen die natürlichen Bedingungen zu reproduzieren. Die benötigen auch einen bestimmten Nährstoff – Aga. Und was auch relativ viel Zeit gekostet hat war, immer diese Bilder zu machen, weil ich eben jeden Tag aus der gleichen Position Bilder machen musste. Ich habe insgesamt siebzig Tage lang von zwei Pilzkulturen – einmal mit Licht, einmal ohne Licht – Bilder gemacht, also 280 Bilder. Ich habe das immer abends bei Nachteinbruch gemacht und habe dafür auch eine Art Konzeption gebaut aus schwarzem Karton, die sozusagen das äußere Licht wegblockt, damit keine Lichtverschmutzung von draußen kommt. Und klar, ich habe ab und zu Pause gemacht, also an Weihnachten zum Beispiel habe ich keine Bilder gemacht. Ich bin auch mit den Pilzen z.B. gereist, was auch lustig war – also die Pilze im Zug dabei.

Sind die denn flexibel? Im Sinne von: Wie muss man die transportieren?

Max O’Dell: Ich habe sie ehrlicherweise einfach in eine Socke gepackt und im Koffer gehabt, damit sie einfach ein bisschen gefedert sind.

Und du hast eben gesagt in deinem Studentenzimmer gibt es nicht die Voraussetzung für „Lucy“. Was wären denn die Voraussetzungen?

Max O’Dell: Also man könnte das schon so halten, nur für den ersten Teil, wo sich die Pilze dann ausbreiten innerhalb des Stamms nicht.

Also das heißt, das braucht man und danach könnte man sie einfach überall halten?

Max O’Dell: Genau. Also die Pilzsporen sind jetzt auch nicht gesundheitsschädlich oder so… man hätte keine Probleme, solange man den Pilz jetzt nicht gerade isst.

Du hast vorhin schon angesprochen und zwar diesen Ausblick auf das Jahr 2029. Da gab es so drei Kriterien für die Entwicklung der Projekte: Nummer 1 ist angemessen, also es muss nachvollziehbar sein und warum es sinnvoll ist, das zu realisieren. Nummer 2 ist wünschenswert, also was bringt es für den Menschen. Und Nummer 3 ist machbar, das heißt technologisch, ökonomisch und ökologisch realisierbar sein. Was ist denn deiner Meinung nach am ehesten für „Lucy“ der Fall? Was war dir am wichtigsten?

Max O’Dell: Ich glaube, es war wünschenswert, das habe ich auch am Anfang angedeutet, dass es meine eigene Zukunftsvision ist. Aber auch wünschenswert, in dem Sinne, dass man halt nicht alleine in seinem Zuhause ist – also einfach eine Beziehung zu seiner Möblierung hat.

Ich fand das Beispiel ganz schön, dass du am Anfang gebracht hast, mit der Glühbirne zu der man keine Beziehung hat, aber, wenn da was wächst und das sieht ja auch ganz anders aus und in ein paar Monaten hat man ganz anderes Licht. Das stelle ich mir richtig cool vor. Abschließend vielleicht die Frage: Was kommt jetzt auf „Lucy“ zu? Kannst du dir vorstellen noch weitere Projekte zu realisieren oder das noch weiter zu verfolgen mit „Lucy“?

Max O’Dell: Also generell versuche ich noch mehr solcher Projekte in diesem Feld zu machen. Also wo es sich sozusagen um Biodesign dreht, also die Verbindung von der Wissenschaft – oftmals in Kooperation mit Biologen – und Design. Für „Lucy“ einerseits ausprobieren, es selbst nochmal in diesem Stamm zu setzen und diesen Prozess durchzuspielen. Wahrscheinlich wäre das auch leichter, wenn man das wirklich mit einem Pilzzüchter macht, da sind die Chancen dann einfach wesentlich kleiner, dass es nicht funktioniert. Und ich erhoffe mir, dass es viel mehr ähnliche Projekte in diesem Feld von Biodesign gibt. Ich glaube, das ist so eine Nische, die unsere Welt gerade braucht.

Voll cool! Danke, dass du da warst Max. Danke für deine Zeit und den Einblick in „Lucy“ und vielen Dank fürs Einschalten. Bis zum nächsten Mal!

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